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Jôdô Shinshû - Das Tor ins Mahâyâna
Mahâyâna

 

Kursinfo

Shinran

7 Meister

Mahâyâna

Alle Schulen des Mahâyâna zeigen den Weg des Bodhisattva auf, eines "erwachenden Wesens", das auch als Mahâsattva, wörtlich "großes Wesen" bezeichnet wird. Auf diesem Weg geht es in der Praxis um das Erwachen von Weisheit (Prajñâ) und tätigem Mitempfinden (Karunâ). Diese bilden zwei Seiten derselben Verwirklichung, ihren passiven und aktiven Aspekt. Weisheit ist die Art und Weise, wie ein Mensch sich selbst und seine Welt erlebt, wenn er zunehmend über seine gewöhnlichen Beschränkungen hinauswächst. Tätiges Mitempfinden ist der daraus entspringende Impuls, sich anderen zuzuwenden. Shinran bezeichnet solches Erwachen von Weisheit und Mitempfinden als Shinjin, als Hingabe, in welcher der Mensch am Wirken des Buddha teilhat.
Takamaro Shigaraki charakterisiert das Wesen von Prajñâ als Überwinden der Schranke zwischen Subjekt und Objekt:

"Der sogenannte normale Hausverstand und die wissenschaftliche Erkenntnis haben gemeinsam, immer Subjekt und Objekt zu trennen. Das Gewicht liegt sogar dann auf dem Objekt, wenn der Mensch selbst zum solchen wird. Prajñâ, Weisheit im buddhistischen Sinn, unterscheidet sich davon, indem es um eine Einheit von Erkennendem (Subjekt) und Erkanntem (Objekt) geht. Für die Selbsterkenntnis des Menschen bedeutet dies, dass er sich unmittelbar als das erfährt, was er wirklich ist. Dabei gibt es keine Spaltung des Sehenden vom Gesehenen: Ich erkenne mich selbst, doch das Wesen, das ich erkenne, ist nicht ein Gegenstand meines analysierenden Denkens. Ich bin kein von meiner Erkenntnis getrenntes Ding.
Objektiv weiß ich, dass ich eines Tages, vielleicht schon heute, sterbe. Ich erfasse das mit dem Verstand, doch hat dieses Ich, das seine Sterblichkeit begreift, kein unmittelbares Empfinden seiner Vergänglichkeit. Ganz im Gegenteil: Es ist fast so, als ginge das Wissen um die Sicherheit meines Todes mich nichts an und beträfe einen anderen. Weiß ich nur objektiv etwas über mich, bin ich nie mit ganzem Wesen beteiligt. Verstandesmäßige Selbsterkenntnis bleibt Stückwerk.
So ist es mit Bonnô, meinen Anlagen zu unheilsauren Gedanken, Worten und Taten. Ich weiß, dass ich alles andere als ein guter Mensch bin. Doch mein Ich, das dies objektiv weiß, stellt sein Denken und Tun subjektiv trotzdem nie grundsätzlich in Frage. Verurteile ich heute vergangene Fehler, empfinde ich sie doch nicht unmittelbar als etwas, das mich mit zu dem machte, was ich bin, also als bleibender Teil meines Wesens. Ich denke aus der Ferne darüber nach. So werden Aspekte meines Wesens Objektiviert und erscheinen von mir getrennt.
Prajñâ, die Shinjin ermöglichende Weisheit, verbindet Subjekt und Objekt zur Ganzheit. Die Spaltung zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich von mir erkenne, wird aufgehoben. Was ich von mir und von der Außenwelt erfahre sowie das, was ich unmittelbar bin, durchdringen einander. Damit erlebe ich, wie alles Existierende aufeinander bezogen und letztlich untrennbares Ganzes ist. In dieser Urkenntnis werden Subjekt und Objekt eins. Die Illusion, als Ich vom Nicht-Ich, dem Rest der Welt, getrennt zu sein, besteht nicht mehr. Alles kann als Subjekt und als Objekt erfahren werden.
Wem alle Dinge Subjekt sind, also zum eigenen Wesen gehören, wird als ‚Großes Wesen' (Mahâsattva) bezeichnet. Aus der Perspektive eines Großen Wesens zeigen sich sogar alltägliche Dinge wie das Essen anders als vom Standpunkt verblendeter Menschen. Auf dem Weg des Großen Wesens erfahren wir das Sterben anderen Lebens, das für unsere Nahrung getötet wird, subjektiv als eigenes Sterben. Unmittelbar erleben wir, wie wir töten und getötet werden, um durch diese Verstrickung am Gestalten der Hölle mitzuwirken, in die wir selbst immer tiefer fallen. Auf dem buddhistischen Pfad muss man solche Grundgesetze des Daseins klar sehen: Um zu leben, töten wir. Unsere bloße Existenz läßt uns für den Tod anderer verantwortlich sein, läßt uns Hüllen erschaffen.
Man mag die Haltung einnehmen: ‚Ich bezahle mein Essen, also gehört es mir.' Auf dem Weg des Buddha erfahren wir jedoch, dass selbst das Leben in einem Ei grundsätzlich den gleichen Wert wie unser eigenes hat. Aus dieser Erkenntnis töteten in Indien und China viele Buddhisten keine Tiere. Doch sahen die konsequentesten Meister, wie alles Existierende in den Begriff Leben einzubeziehen ist, nicht nur uns ähnliche Daseinsformen. Viele Wesen und Dinge vernichtete der Mensch, um zu überleben. Mehr noch tötete er aus blinder Macht- und Besitzgier.
Die jüngere Geschichte konfrontierte uns mit großen materiellen Errungenschaften. Doch trotz hoch entwickelter Wissenschaft und Technik fanden wir keine Sicherheit und keinen dauerhaften Frieden. Darum ist es wichtig, das Leben aus Prajñâ-Perspektive zu betrachten. Dann erfahren wir, wie alles Dasein miteinander in Beziehung steht und den gleichen Wert hat wie das eigene. Ich bin in allen Dingen als Objekt, und alle Dinge sind in mir als Subjekt enthalten. Die Welt und ich sind nicht voneinander getrennt. Alle teilen eine natürliche Ganzheit.
Einst kam ein Schüler zu einem Zen-Meister und bekannte, er leide unter schrecklicher Todesangst: ‚Gibt es einen Weg, das Sterben zu umgehen?' Die Antwort des Zen-Meisters: ‚Kommt die Zeit des Todes, ist es richtig, zu sterben. Dies ist der einzige Weg, dem Tod zu entgehen.' Dies wurde vom Standort eines Großen Wesens gesprochen: Alle Dinge hängen zusammen. Vom Standpunkt ‚Alles ist Objekt' sehen wir das Werden, wie es wahrhaft ist: Blumen knospen, blühen und welken. Menschen werden geboren, leben und sterben. Alles hat gleiches Gewicht, gleichen Wert. Weshalb also die Tränen? Alles besitzt dieselbe Bedeutung im Werden der Natur.
In dieser Welt der ‚Soheit' (tathatâ), gilt kein menschlicher Maßstab: Ohne unsere Wertungen ist alles als das, was es ist, bedeutsam. Wie einfach und schwierig zugleich: Sehen, dass mein Ich-Sein als Mensch das gleiche ist wie das Fels-Sein des Felsens, das Baum-Sein des Baumes und das Blume-Sein der Blume. Ich bin nicht getrennt von all diesen, bin nicht verschieden vom Wassertropfen, der im Strom fließt, als Regen fällt, im Nebel wallt, im Zapfen gefriert, im gewaltigen Ozean wogt, oder als kleinstes Teilchen einer sich stets wandelnden Wolke an einem fernen Horizont vorüberzieht.
In einer Welt zu leben, in der alle Objekte als Subjekte gleichwertig sind, heißt im Land des Buddha sein. Alle Dinge schätze ich gleichermaßen in ihrem Wert.
Vor vielen Jahren wurden Genza und sein Freund Naoji, zwei einfache Bauern, die einander lange kannten, zu gleicher Zeit krank. Seit über achtzig Jahren lebten sie im selben Dorf. Naoji, der wußte, dass Genza den Weg Shinrans ging, hatte ein ungelöstes Problem: Todesangst. Er bat seine Tochter, dies Genza vorzutragen. Sie übermittelte Genza die Botschaft ihres Vaters: ‚Ich fürchte mich vor dem Sterben.'
Genzas Antwort: ‚Naoji, warum stirbst du nicht einfach? Es ist nichts dabei, zu sterben. Was trennt uns voneinander?' Dies ist die Haltung eines Großen Wesens. Sie besteht in höherer Bewusstheit, die im Wirken von Prajñâ wurzelt: Blumen blühen, welken und sterben. So ist die Wahrheit aller Dinge. In dieser Wirklichkeit erlangen wir Shinjin."

(Takamaro Shigaraki: Sogar der Gute wird erlöst, um wie viel mehr der Böse. Luxemburg: Kairos Edition, S. 51-53)

 

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