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Konfuzius

Konfuzius
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2000
160 Seiten
ISBN 3-499-50555-X
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Konfuzius, eigentlich Kongzi, verstand sich nicht als Philosoph, sondern als Lehrer der Werte, die sich im öffentlichen wie privaten Leben bewähren: Nächstenliebe, Gewissenhaftigkeit und Ehrfurcht vor der Hierarchie des Staates. Seine Lehrsätze, in Harmonie mit den Gesetzen des Kosmos' gedacht, prägten Politik und Kultur in China, dann in ganz Ostasien. Die praktische Moral des Konfuzius kommt ohne Metaphysik aus, sie wendet sich dem Alltag zu: Darin liegen ihre Wirkung und ihre Faszination, auch für das Abendland.


"… Betrachten wir als Gedankenspiel mit konfuzianischer Brille das Europa der Gegenwart. Die ‚Zeit der Streitenden Reiche', während der sich nach dem umfassenden Reich des römischen Altertums für eine kurze Epoche Nationalstaaten gegenüberstanden, geht zu Ende. Der Subkontinent eint sich politisch unter gleichen Normen und Quoten. Zugleich errichtet er seine große Mauer gegen die Eindringlinge aus Süden und Osten. Was die einzelnen Länder zusammenführt, ist kein Mythos gemeinsamer Vergangenheit oder Werte und keine soziale Utopie. Letztere scheiterte mit dem Zusammenbruch des Mohismus in seiner westlichen Variante des ‚realen Sozialismus' und ist zumindest bis auf weiteres diskreditiert. Nachdem die letzten Systeme zugrunde gingen, die zumindest de jure Wertorientierung und Zukunftsvisionen vertraten, herrscht im weltanschaulich neutralen Staat der Egoismus Yang Zhus. Die Gesellschaft ermöglicht dem Einzelnen, der vornehmlich auf sich selbst schaut, Nutzen und Mehrung. Dass breite Schichten auf der Strecke bleiben, nimmt man in Kauf. Ein System, das sich mit dem Etikett der gleichen Chancen und Rechte versieht, produziert zunehmend soziale Ungleichheiten, die nichts mit konfuzianischer Betonung verschiedener sozialer Rollen gemein haben. Wer würde ein Körperhaar für das wachsende Heer Arbeitsloser opfern? Einige, oft nicht die materiell Ärmsten, wurden Daoisten, leben für sich harmonisch und glücklich, manchmal auch bescheiden. Sie gaben die Gesellschaft auf, um befriedigt zu wissen, wie sie für sich nach den richtigen Regeln handeln.
Die Politiker, Wortakrobaten aus der Schule Deng Xis, versprechen jedem alles, doch denken vor allem an den eigenen Nutzen. Wo wäre anzusetzen mit dem Berichtigen der Namen?
Vielleicht zeigten Konfuzius, Mengzi oder Xunzi sich am meisten über den Zustand menschlicher Beziehungen erschüttert. Wo bleibt angesichts steigender Scheidungsraten die Familie als Ort des Geborgenseins und gegenseitiger Hilfe? Was geschieht mit den Alten, denen man sein Leben dankt und auf deren Schaffen man aufbaut? Wie kann es Menschen geben, die keine Nach kommen wollen, nur um das eigene Dasein voll zu genießen? Wo ist echte Trauer? Wo gibt es Loyalität und den Mut zum Widerspruch, wenn sie zum eigenen materiellen Schaden sein könnten? Wo schätzt man die aufrichtige Selbstkritik?
Die alten Konfuzianer erschienen den meisten Abendländern als unerträgliche Moralprediger. Sie sprächen voller Ernst von der guten alten Zeit, in der jeder persönlich seine Eltern dankbar bis zum Tod pflegte und sich freute, seinen Kindern das Beste mitzugeben; in der Verwandte füreinander einstanden und man lebenslange Freundschaften pflegte; in der man alle Nachbarn kannte, ihnen half und gemeinsam Feste feierte; in der man gerne miteinander sang und klassische Gedichte aufsagte; in der Anstand und Bildung mehr zählten als Einkommen, Besitz und darauf gründende Vergnügen; in der man um einen lieben Toten bitterlich weinte. Ihr Ruf nach Umkehr hätte wohl noch weniger Chancen auf Gehör als im China ihrer Zeit. Bescheidenheit, Treue und unmittelbare Freude am Miteinander oder einer Erweiterung des Wissens sind keine Werte der Wachstumsgesellschaft, die auf das Recht und die Produktivität der stärkeren Ellbogen setzend ihre menschliche Mitte verlor. Die wichtigste Mahnung des Konfuzius, sich selbst überwinden und zu den Li zurückkehren ist Menschlichsein, was könnte sie in dieser Situation für Europa bedeuten? Sich überwinden impliziert heute eine Selbstkritik der auf Fortschritt und Wachstum in endlose Zukunft orientierten Gesellschaften. Der durch Technologie, Gen und Hormonmanipulation über Arbeit, Alter, Krankheit und Tod triumphierende Mensch, der am abendländischen Horizont auftaucht, könnte realistisch nur der Weg einer kleinen besitzenden Elite sein. Für den ganzen Planeten verwirklicht, bedürfte diese Vision unmenschlicher Zwangsmaßnahmen zur Beschränkung der Bevölkerung. Andererseits scheint der wachsenden Menschheit der Verzicht auf Forschung undenkbar und eine Rückkehr zu vorindustriellen Produktionsweisen versperrt.
Der Aufruf des Konfuzius zur Rückkehr bezog sich nicht auf ein bestimmtes System des Wirtschaftens oder Administrierens, sondern auf tradierte Regeln, die sich zur Relativierung des Egoismus und zur Orientierung des Einzelnen auf eine gemeinsame Mitte bewährt haben. Doch wohin könnte man im Westen konkret zurückkehren? …"
Konfizius, S. 121-122

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